PDieses intime und geradezu sinnliche Drama ist zutiefst zärtlich und doch frei von der geringsten Spur von Gefühlen und begleitet die ältere Ruth (die amerikanische Bühnenikone Kathleen Chalfant), wie sie sich an eine tiefgreifende Veränderung der Umstände gewöhnt. Der Film wird mit einer kühnen Sparsamkeit erzählt, die wichtige Details nur dann enthüllt, wenn es unbedingt nötig ist, und deutet an, was passiert, wenn Ruth den Abwaschständer wie eine Toastdose behandelt.
Minuten später kommt ein Mann mittleren Alters namens Steve (H Jon Benjamin), mit dem Ruth zunächst heimlich flirtet, bis er verrät, dass er bereits verheiratet ist, bei ihr zu Hause an, um sie in ihr neues Zuhause in einer Seniorenwohnanlage zu bringen. Als die Mitarbeiter dort Steve als Ruths Sohn bezeichnen, ist die Enthüllung für sie ebenso schockierend wie für uns.
Es wird ganz klar, dass Ruth einen erheblichen Verlust des Kurzzeitgedächtnisses hat, obwohl sie immer noch das Rezept für einen lecker klingenden Borschtsch herunterspulen kann. Es stellte sich heraus, dass sie einst eine professionelle Köchin war, und in einer der amüsantesten Szenen des Films dringt sie in die Küche des Hauses ein und übernimmt das Anrichten der Rühreier und des Obstsalats für die Bewohner.
Dieser außergewöhnliche Debüt-Erzählfilm der Autorin und Regisseurin Sarah Friedland (deren frühere Filme sich auf Tanz konzentrierten) basiert auf Friedlands eigenen Erfahrungen mit Menschen mit Demenz – ihren eigenen Verwandten und Menschen, mit denen sie zu Beginn ihrer Karriere in einem Pflegeheim zusammengearbeitet hat. Gleichzeitig verbindet der intensive Fokus des Films auf Körper und spürbare Empfindungen (er heißt nicht umsonst „Familiar Touch“) eine Verbindung zu Friedlands Arbeit als Choreograf.
In der Tat hat ein schönes Zwischenspiel etwas Theatralisches und besonders Terpsichoreisches, in dem eine Betreuerin sich um Ruth in einem Schwimmbad kümmert und sie wie ein entspanntes Kleinkind rhythmisch im Wasser hin und her schaukelt, während der Soundtrack nach und nach die erinnerten Geräusche eines Tages am Strand heraufbeschwört – Möwen, Kalliopenmusik und kindliche Freudenschreie.
Das Beeindruckende an diesem und vielen anderen Momenten ist, dass der Film Ruths kognitive Veränderung nicht wie eine große Tragödie, einen Selbstverlust oder eine sentimental eingebildete Verwandlung in eine bezaubernde alte Dame behandelt. Ruth ist immer noch voller Pisse und Balsamico-Essig, ein bisschen stachelig, ein Luder auf ihre kurzhaarige Art.
An der Art und Weise, wie sie zunächst mit der schwarzen Betreuerin Vanessa (Carolyn Michelle Smith) umgeht, erkennt man, dass ein wenig Rassismusverdacht darin liegt, dass sie ihr anbietet, ein Date mit ihrem Bruder zu vereinbaren, der sich für Bürgerrechte einsetzt. Und irgendwann hört Ruth, wie Vanessa und der Arzt Brian (Andy McQueen) ein höfliches, verschlüsseltes Gespräch darüber führen, dass ihre eigenen älteren Eltern in einer Einrichtung wie dieser, die quasi einem Country-Club ähnelt, nicht betreut werden.
Die Art und Weise, wie Friedland bei diesen kleinen Details subtil vorgeht, ist wirklich beeindruckend. Aber ihr größter Erfolg dürfte hier die Besetzung von Chalfant sein, der eine erstaunlich nuancierte, durchdachte und anmutige Darstellung abliefert. Allerdings erhält der Film möglicherweise keine Anerkennung von den Preisverleihungsgremien, da er keine Prothesen, auffällige Reden oder Gewichtsschwankungen erfordert – sondern nur ordentliches Handwerk und schauspielerisches Können.